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Geschichte des Lehms

Die ältesten Lehmbauten aus der Jungsteinzeit waren meist Stampflehm-Konstruktionen.

Ende der 1990er-Jahre fand man im anatolischen Hochland eine Stadt namens Catal Hüyük, die fast ausschließlich aus Lehm bestand und die in die Zeit von 7.000 bis 8.000 vor Christus datiert wird. Stampflehmbau findet sich auf allen Kontinenten, seitdem die Menschen bauen, und er war die Grundlage für Befestigungsanlagen und für den frühen Hochbau. Die Chinesische Mauer mit ihrem Kern aus Stampflehm ist ein bis heute beeindruckendes Beispiel. Es wird vermutet, dass auch viele Profanbauten der Stadt Rom aus Stampflehm gebaut wurden. Ein zeitgenössisches Exemplar dieser Bautechnik kann im hessischen Weilburg bewundert werden, wo das höchste Stampflehmgebäude Deutschlands steht, das um 1830 gebaut wurde.

Lehm ist Physik

Lehm ist ein Element dieser Erde und existierte bereits lange Zeit, bevor die ersten Lebewesen diesen Planeten bevölkerten. Das Material entstand während eines Millionen Jahre andauernden Verwitterungsprozesses. Wind und mechanische Belastung haben feldspatreiche Gesteine immer feiner zermahlen, bis schließlich das kleinste Mineral – das Tonmineral – übrig blieb. Lehm ist von Natur aus ein Gemisch aus Tonmineralen und sandigen bis steinigen Bestandteilen, wobei der Ton die Funktion eines Bindemittels übernimmt.

Ton besteht mineralogisch aus verschiedenen Metallsilikaten, vor allem Aluminiumsilikat. Das Tonmineral kommt im Lehm in Form von Silikatplättchen mit einem Durchmesser von weniger als einem Tausendstelmillimeter vor. Betrachtet man diese Plättchen unter dem Mikroskop, erscheinen sie wie ein Kartenhaufen, den man auf einem Tisch ausbreitet. Bringt man Wasser zwischen diese Plättchen, dann fungiert dieses wie ein Gleitmittel. Die Plättchen können aufeinander gleiten, sich aufeinander bewegen. Dadurch entsteht die Plastizität des Baustoffs – der Lehm wird verarbeitbar. Trocknet das Wasser aus, dann ziehen sich die Plättchen untereinander an. Dabei sind elektrostatische Kräfte am Werk, die jeder schon einmal erlebt hat, beispielsweise wenn ein Laubblatt an einer nassen Fensterscheibe klebt. Sobald es trocknet, lässt es sich nur sehr schwer wieder entfernen.

Bei diesem Trocknungsprozess handelt es sich um einen rein physikalischen Vorgang, der die Endfestigkeit des Materials ausmacht. Der Vorgang der Trocknung ist umkehrbar: Lehm ist wasserlöslich. Man kann also immer wieder Wasser zwischen die Tonminerale sowie die sandigen oder steinigen Zuschlagstoffe bringen und den Lehm danach wieder von Neuem verarbeiten. Erst wenn man Lehm brennt, wird die Trocknung irreversibel und der Baustoff somit wasserunlöslich.

Vom Lehm zum Stampflehm

Vermischt man Lehm mit Wasser und Stroh oder Kies, so ergibt dies einen Baustoff, der als Stampflehm auch ungebrannt den Bau von Häusern erlaubt, die bei angemessener Instandhaltung Jahrhunderte überdauern können. Wenn sie allerdings dauerhaft ohne Schutz oder Instandsetzung Wind und Wetter ausgesetzt sind, lösen sie sich in ihre ursprünglichen Bestandteile auf und werden wieder Teil der Natur. Aus diesem Grund findet man historische Stampflehmbauten heute am häufigsten in trockenen Erdregionen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Kasbah in Marokko, die (bis auf die Spitzen der Türme) aus Stampflehm gebaut ist. In diesen regenarmen Regionen mit ihren enormen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht ist Stampflehmbau aufgrund seiner beeindruckenden Wärmespeichermasse ideal. Die Räume sind tagsüber kühl, in den Nächten aber geben die Wände die gespeicherte Wärme ab. In Deutschland erlauben die Lehmbau-Regeln (Volhard/Röhlen, Wiesbaden 2009, dritte Auflage) den Bau von Gebäuden mit maximal zwei Wohneinheiten sowie zwei Vollgeschossen. Für weitergehende Anwendungen von Lehmbautechniken muss eine gesonderte Zulassung eingeholt werden.

Beispiele in Deutschland

Der Stampflehmbau ist auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands erstmals mit der römischen Besiedelung nachweisbar. Er hat sich aber nach dem Niedergang des Römischen Reiches nicht zu einer bodenständigen Bauweise entwickelt. In einer zweiten Welle wurde der Stampflehmbau um 1800 über Frankreich nach Deutschland getragen.

Dr. Christof Ziegert hat sich mit Lehmbauten in den neuen Bundesländern beschäftigt. Sein Fazit: „Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts hat der Stampflehmbau nur sehr zögerlich Fuß fassen können, da der Lehmwellerbau gut etabliert war und später die beginnende Industrialisierung das Bauen mit gebrannten Ziegeln finanziell erschwinglich machte. Dennoch ist keine geringe Anzahl an Wohn- und Wirtschaftsbauten in Stampflehmbauweise aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt." In der ehemaligen DDR wurden ganze Siedlungen in dieser Technik errichtet. Insgesamt kann aber gesagt werden, dass Stampflehmbau in unseren Breitengraden nie eine herausragende Rolle gespielt hat – anders der aus Holz und Lehm errichtete Fachwerkbau.

Neue Anwendungen

Die hervorragenden Eigenschaften des Lehms, sein Feuchtesorptionsverhalten, seine Fähigkeit, Energie zu speichern und nicht zuletzt die beeindruckende Erscheinung der Stampflehmwand eröffnen neue Anwendungen, die an japanische Vorbilder anknüpfen, ob im Neubau oder als architektonisches Element bei der hochwertigen Sanierung alter Bausubstanz, ob als tragende Wand oder als klimatisierende Vorsatzschale. War der historische Stampflehmbau meist eine versteckte Größe, so steht heute seine wuchtige Erscheinung als architektonisches Element im Vordergrund.

Viel mehr als bei anderen Bautechniken bedarf es hier der Übung und der Erfahrung, um schön gezeichnete Oberflächen zu erhalten. Das reine Naturprodukt Stampflehm gibt es neben dem vertrauten Erdbraun in den Farben der Erde Rot, Gelb und Anthrazit. Damit können sehr attraktive Muster gestaltet werden. Lage für Lage wird das erdfeuchte Material mit 10 bis 15 Zentimeter Höhe in eine Schalung geschüttet und etwa auf ein Drittel verdichtet. So entstehen die Schichten, von denen jede einzelne erkennbar ist. Weil nach dem Ausschalen keine Korrekturen möglich sind, ist eine sorgfältige Planung und Ausführung unabdingbar. In Praxisseminaren wie im Naturbauhaus Hetfeld in Velbert werden (hier unter Anleitung des international gefragten Stampflehmexperten Dr. Ziegert) die Verfahren konkret geübt, und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Dr. Michael Willhardt
Fotos: Claytec, Fahnert, Ziegert, Willhardt
Quelle: Malerblatt 12/2012
 

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