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Baustil: Historismus

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Baustil: Historismus
Architektur
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Die Nachahmung verschiedener Baustile kennzeichnet diese Epoche. Eine grundlegende Erneuerung: die künstlichen Farbstoffe.

Für die Zeit vom ausklingenden Klassizismus um ca. 1830/40 bis zur Jahrhundertwende entwickelt sich eine Stilrichtung in der Architektur, welche als Historismus bezeichnet wird. Besonders kennzeichnend ist die Nachahmung verschiedener historischer Baustile wie z.B. der Romanik, Gotik, der Renaissance, des Barock und des Rokoko. Infolge der industriellen Revolution, der Bevölkerungsexplosion und des daraus entstehenden neuen Bürgertums entsteht ein Bauboom, der keine Zeit lässt, einen eigenen „Kunststil“ zu entwickeln. Die neue Gesellschaft sucht deshalb Formen und Bauvorlagen in der Vergangenheit. Man bedient sich bedenkenlos antiker, barocker, gotischer Vorbilder bis hin zur außereuropäischen Architektur aus Ägypten, Indien, China, Japan und islamischen Ländern. Die Ideen kommen durch den Kolonialismus im außereuropäischen Ausland nach Europa.


Architektur

Die historischen Bauformen dienen in der Regel nur zur Fassadengestaltung, während die eigentliche Baukonstruktion und die Raumgestaltung „vernünftig“ gehandhabt werden. Hier werden neue technische Materialien wie Eisen und Glas verwendet. Sprach man bisher vom Architekt und Ingenieur allgemein als Baumeister, so vollzieht sich nun eine Trennung zwischen diesen beiden Berufsgruppen.
Von dem Engländer Sir William Scott, einem Architekten der viktorianischen Zeit, stammt die Äußerung: „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“.
Im Zuge einer Gotisierungswelle werden unter anderem alte gotische Kirchen wie der Kölner Dom oder das Ulmer Münster vollendet. In England und Deutschland entstehen eine Reihe neugotischer Gebäude. An Rhein, Mosel und Neckar werden alte Burgen, von denen nur noch Ruinen vorhanden sind, vollkommen restauriert. Die Gegner dieser romantischen Richtung verzieren ihre klaren, aus der Antike übernommenen Formen mit Dekor aus der Hochrenaissance. Gottfried Sempers Opernhaus in Dresden und die Münchener Feldherrnhalle, der Loggia Signoria in Florenz nachgebildet, zählen dazu. Eine Art von Neubarock entwickelt sich in den 70er-Jahren, in Paris baut Charles Garnier die neue Oper. In Deutschland wird dieser Stil allgemein als „Wilhelminischer Stil“ oder Stil der „Gründerzeit“ bezeichnet. Neben zahlreichen Bürgerhäusern ist zum Beispiel der Reichstag in Berlin dieser Epoche zuzuordnen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Verwendung von Naturstein und natürlichen Baumaterialien immer beliebter. Dieses geschieht im Sinne der Romantik, welche gekennzeichnet ist durch die Hinwendung des Menschen zur Natur. Architekten wie K. F. Schinkel und H. Hübsch setzen sich stark für eine Verwendung von Backstein, Naturstein, Holz und Eisen ein. Diese Baustoffe dürfen nicht durch farbigen Anstrich entmaterialisiert werden. Verputzte Wände werden abgelehnt als „widerlicher Kontrast“ zum Sichtmauerwerk, ein Anstrich wird bezeichnet als „unverträglich mit der Würde eines Gebäudes“.
Nach einer Untersuchung in der Zeitschrift „Deutsche Kunst- und Denkmalpflege“ 1978, kann die gesamte Architekturfarbigkeit des Historismus in drei unterschiedliche Phasen eingeteilt werden:


Die erste Phase

Die erste Phase um 1850 bis 1860 wird bezeichnet als die „Buntfarbige Dekoration“. Diese Bezeichnung bezieht sich mehr auf die Farbigkeit des Innenraumes. Hier werden vorzugsweise Primär- und Sekundärfarben verwendet und diese häufig mit Weiß aufgehellt. Mit Schwarz abgetönte Farben werden als schmutzig empfunden. Als Vorlagen dienen farbige Ornamentbeispiele aus Ägypten, Indien sowie aus der italienischen Renaissance.
In der Fassadenfarbigkeit dominiert die zurückhaltende, klassizistische Farbigkeit von blassen, hellen Farben weiterhin. Farbige Anstriche wie Gelb, Ocker oder Rosa sind für Schlossbauten und Villen zwar seit langer Tradition üblich, in der städtischen Wohnhausarchitektur treten sie aber nur vereinzelt auf, sind dann in der Regel noch abgetönt, um eine blassere Wirkung zu erzielen. Hier spielen sicher Materialkriterien eine Rolle.
Einem Anstrich in Kalkmalerei kann man nur wenig Farbstoff zugeben, weil dieser eine haltbare Bindung verhindert. Ölanstriche wirken störend durch starken Glanz, sind außerdem auch sehr teuer.
Die Farbigkeitspalette erweitert man durch farbiges Baumaterial wie Sandstein, Klinker, Fliesen und eingefärbten Zement. Hohe Kosten des Materials und der Bearbeitung sorgen jedoch dafür, dass diese Techniken den Repräsentationsbauten vorbehalten bleiben.
Mit der industriellen Revolution um 1860/70 trat auch in der Farbenherstellung eine Wende in der Farbenproduktion ein. Hatte man bis dato nur eine sehr eingeschränkte Palette an Pigmenten und Farbstoffen zur Verfügung, so ändert sich dies schlagartig mit der Entdeckung, Pigmente und Farbstoffe künstlich herzustellen. Bei der Badischen Anilin und Sodafabrik war es gelungen, aus einem Abfallprodukt in der Steinkohleförderung das Anilin zu entwickeln, welches den Grundbaustein bildete für die Herstellung künstlicher Pigmente und Farbstoffe.
Zu Beginn produzierte das Unternehmen Teerfarbstoffe, begann aber bald schon mit der Herstellung von Textilfarbstoffen auf Indigobasis und erreichte innerhalb kürzester Zeit eine führende Position auf dem weltweiten Markt für Färbemittel. Eines der ersten vertriebenen Produkte waren Anilinfarben auf Basis des aus Indigo gewonnenen Anilin. Bald schon folgt die Herstellung der Farbstoffe Alizarin, Eosin, Auramin, Methylenblau und Azofarbstoffe. Nach 1880 wurde mit der Erforschung der synthetischen Herstellung von Indigofarben begonnen. Im Jahr 1901 konnte das Unternehmen mit den licht- und waschechten Indanthren-Farben eine weitere Weltneuheit präsentieren.


Die zweite Phase

Die zweite Phase der Architekturfarbigkeit des Historismus reicht bis an die 90er-Jahre des 19. Jhdts. Sie kommt aus Frankreich und wird als Phase der „Naturfarbigkeit“ bezeichnet. Dieser Zeitabschnitt ist geprägt in Farbgebung wie in Architekturformen von einer Hinwendung zur Renaissance. Dunkle Farben, in ihrer Buntheit gedämpft, werden als „natürlich“ verstanden, gegenüber den reinen Farben werden sie als „physisch schöner“ und „moralisch vollkommener“ gesehen. Besonders die Farbe Braun spielt eine große Rolle. „Primitivfarben“, das heißt Primärfarben, sind lediglich als Lichtpunkte in brauntonig gedämpften Kompositionen zu finden. Blau ist die Königsfarbe, sie bewegt sich im Komplementärkontrast zu Braun- und Orangetönen. In der Fassade übernimmt die Natursteinfarbigkeit der Baustoffe die Rolle der Brauntöne.
Die meisten Fassaden werden jedoch verputzt und die Hauptflächen in den Braun-Natursteintönen gehalten. Diese Steinfarbigkeit ist jedoch nicht eintönig oder langweilig zu sehen. Von einem Architekten- und Ingenieurskongress in Hannover 1865 ist bekannt, dass das farbige Absetzen von Gesimsen, Tür- und Fenstergewänden, Lisenen und sonstigen Vorsprüngen als Minimalforderung für die Fassadengestaltung gilt. Diese architektonischen Gliederungen werden mit kräftigen Farben unterstrichen, teilweise durch Vergoldungen betont, Brüstungsfelder werden mit Mosaiken, Sgraffito oder Malereien ausgefüllt. Der braune Grundton wandelt sich allmählich zum lichten Ocker.
Zur Hervorhebung der architektonischen Elemente bei Natursteinfassaden werden später sogar die Natursteinflächen als Hintergrund farbig angelegt und die Gliederungen mit Vergoldungen verziert.


Die letzte Phase

Die letzte dieser 3 Phasen von ca. 1890 bis 1915 erhält den Namen „Verwendung historisch richtiger Farben“.
Die „natürliche Brauntonigkeit“ verliert an Bedeutung und man wendet sich einer vom Geschmack bestimmten Farbgebung zu, welche historisch richtig angewendet sein soll. Die so genannte „Steinsichtigkeit“ wird weniger beachtet, Anstriche, vor allem in Grün und hellem Blau kommen in Mode überall da, wo barockisierende Bauwerke entstehen. Diese Mode-Erscheinung hält sich nicht sehr lange und wird abgelöst durch die sich langsam entwickelnde Farbigkeit der Jugendstilbewegung. Die Namensgebung dieser letzten Epoche rührt aus der Haltung der damaligen Zeit, originale Farbtöne an Bauteilen zu verwenden, deren Formen – hier in der Hauptsache die des Barock – von historischen Vorbildern übernommen sind. Man hatte neue Kenntnisse gewonnen über die Farbgebung früherer Stil-Epochen. Diese Farbgebung spielt zwar nur eine Rolle bei der Kirchenausmalung der damaligen Zeit, aus dieser Grundhaltung heraus ist aber auch eine kräftige Farbgebung für Fassaden um die Jahrhundertwende zu befürworten.

Prof. Matthias Gröne, Hochschule Esslingen
Quelle: Malerblatt 07/2010

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