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Orientierung im Alter

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Veränderte Wahrnehmung
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Mit zunehmendem Alter verändert sich die optische Wahrnehmungsfähigkeit. Die richtige Farbgestaltung kann förderlich sein.

Wie wollen wir im Alter leben? Diese Frage wird mehr und mehr zu einem persönlich wie gesellschaftlich relevanten Thema. Ein Teilaspekt dieses Themas ist, wie wir unsere Umwelt altersgerecht gestalten können. Farbe kann hierbei eine wichtige Rolle spielen. Dabei geht es weniger um rein ästhetische und geschmackliche Fragen. Altersgerechte Gestaltungskonzepte sollen vor allem spezielle Befindlichkeiten und Defizite des Alters einbeziehen, um Alltagskompetenzen länger zu erhalten, Eigenständigkeit und Wohlbefinden zu fördern und gegebenenfalls die Pflege zu erleichtern.

Neben barrierefreien Raumkonzepten rücken (farb-) gestalterische Aspekte immer stärker in den Fokus. Gezielt abgestimmte Farbkonzepte wirken positiv auf Körper und Seele, können nachlassende Sinnesleistungen ausgleichen, Erinnerungen und Assoziationen wecken, die Orientierung verbessern sowie Geborgenheit vermitteln. Das sind wichtige Faktoren, besonders auch für Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Institutionen.

Der Einsatz leuchtender Farben mit unterschiedlich hohem Sättigungsgrad und verschiedenen Helligkeitswerten fördert die räumliche Wahrnehmung.



Veränderte Wahrnehmung

Mit zunehmendem Alter verändert sich die Wahrnehmungsfähigkeit. Nicht nur das Gehör lässt nach, auch das Sehvermögen weist vermehrt verschiedene altersbedingte Einschränkungen auf. Neben typischen Abbauerscheinungen wie der Altersweitsichtigkeit führen Augenkrankheiten zu räumlichen Verzerrungen, Farbwahrnehmungsstörungen, erhöhter Blendempfindlichkeit und zur Einengung des Gesichtsfeldes. Alte Menschen nehmen Farben insgesamt blasser wahr, brauchen aufgrund der natürlichen Verkleinerung der Pupille eine wesentlich höhere Beleuchtungsstärke als junge. Die Reduktion der Lichtdurchlässigkeit betrifft vor allem den blauen Spektralbereich, sodass die Farbwahrnehmung für blaue, blaugrüne und violette Farbtöne eingeschränkt ist.

Ein Farbkonzept für Senioren sollte sich an diesen altersbedingten Veränderungen orientieren und der nachlassenden Wahrnehmungsfähigkeit durch eine bewusste Auswahl und Kombination von Farben und Materialien entgegenwirken. Untersuchungen haben gezeigt, dass alte Menschen helle, aber farbstarke Farbtöne bevorzugen. Ein angemessenes Raumkonzept arbeitet daher überwiegend mit kräftigen, warmtonigen Farben und Materialien sowie größtmöglicher sensorischer Vielfalt. Vertraute Farbstimmungen zum Beispiel aus der Natur, schaffen Erinnerungsräume, geben Geborgenheit und Orientierung und verbessern die Raumwahrnehmung – nicht nur im häuslichen Umfeld, sondern auch in Institutionen.

Farbe gibt Orientierung

Passende Farbleitsysteme und gut wahrnehmbare Helligkeits- und Farbkontraste erleichtern die Orientierung und geben Sicherheit. Bewegungseinschränkungen und altersbedingte Sehschwächen erhöhen das Unfallrisiko alter Menschen. Daher sollten Stützen, Vorsprünge oder Möbelstücke deutlich sichtbar als Hindernis wahrgenommen werden können. Eine abwechslungsreiche Wandgestaltung in hellen, kräftigen Farben, die farbliche Betonung von Stolperfallen sowie von Handläufen und Türklinken kann Flure und Verkehrszonen sinnvoll strukturieren und das Unfallrisiko mindern.

Türen zu Bewohnerzimmern sollten farbig gestaltet und unverwechselbar zu erkennen sein, während Türen zu Versorgungsräumen oder Ausgängen in der Farbe der Wand gestrichen und damit kaschiert werden können. Wichtig für sicheres Gehen ist ein ausreichender Helligkeitsunterschied zwischen Wand- und Bodenfarbe. Monochrome Bodenbeläge in Erdfarben symbolisieren Trittfestigkeit und geben optische Klarheit.

Da die Farbwahrnehmung bei sehbehinderten Menschen beeinträchtigt sein kann, reicht ein reiner Farbkontrast oft nicht aus. Entscheidend ist der Helligkeitskontrast, weil dieser auch für farbfehlsichtige Menschen erkennbar ist. Denn für sehbeeinträchtigte Menschen kann es schwierig sein, zwei deutlich unterschiedliche Farben mit dem gleichen Helligkeitsgrad auseinanderzuhalten.

Auch das Licht ist entscheidend: Grundlage jedes Farbkonzepts ist eine schattenfreie Ausleuchtung, um Unfälle und Ängste zu vermeiden.

Demenzkranke Menschen reagieren besonders sensibel auf ihre Umgebung. Sie leiden stärker an Sehbehinderungen als Menschen mit normalen Alterseinschränkungen. Hinzu kommt ein schrittweiser Abbau kognitiver Fähigkeiten, so- dass die Wahrnehmung verstärkt auf emotionaler Ebene erfolgt. Dies führt schnell zu Überforderung und Stress. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto geringer ist die Erinnerungsfähigkeit und umso schwieriger ist es für die Erkrankten, Situationen, Personen und räumliche Zusammenhänge zu erkennen und zu deuten. Ängste, Depression, Aggression oder eine starke innere Unruhe sind häufig die Folge.

Die farbliche Betonung von Handläufen kann Flure und Verkehrszonen sinnvoll strukturieren und das Unfallrisiko mindern.



Wohnung als Gedächtnisstütze

Der Kompetenzgrad der Erkrankten ist immer auch von ihrem unmittelbaren Umfeld abhängig, denn fortschreitende Demenz bedeutet Orientierungslosigkeit. Die eigene Wohnung dient als Gedächtnisstütze. Der Umzug in ein Pflegeheim ist daher nicht selten ein kritisches Ereignis im Leben, das mit Verunsicherung und Entwurzelung verbunden ist.

Eine sorgfältige Raum- und Farbgestaltung kann Demenzkranken helfen, bereits verlorene Fähigkeiten durch visuelle Stimulation auszugleichen, und dazu beitragen, dass sie sich sicher und geborgen fühlen. Hierbei ist es wichtig, Reizüberflutung zu vermeiden, zum Beispiel durch stark gemusterte Bodenbeläge oder Tapeten. Denn bei diesem Krankheitsbild werden optische Eindrücke manchmal fehlinterpretiert. So können Farbwechsel im Bodenbelag diese Menschen in ihrer Bewegung stoppen, weil sie beispielsweise dunkle Beläge für drohende Abgründe halten.

Farbkonzepte mit unterschiedlichen, klar voneinander getrennten Farbthemen, einheitliche Bodenbeläge von gleichem Material und gleicher Farbe sowie deutlich hervorgehobene Elemente unterstützen die Wahrnehmung, sorgen für eine bessere Orientierung und fördern die Alltagskompetenz.

Identifikation stiften

Orientierung geben, Identifikation stiften, das waren zwei der Ziele bei der Farbgestaltung der Flurbereiche des Caritas-Alten- und Pflegeheims Marienheim. Die Farbgestalter von Keim entschieden sich in den vier Stockwerken für jeweils unterschiedliche Farbstimmungen, da jede Station durch Wandbilder und Namensgebung bereits unter einem eigenen Motto stand. An diese Themen wollten die Farbgestalter bewusst anknüpfen, um die Bewohner nicht zu überfordern.

Entsprechend der Stockwerkthemen wurden die Wände der Flure und die Aufenthaltsnischen in dazu passenden Farbstimmungen gestaltet. Unter Einbeziehung der wohlbekannten Bilder und Elemente erhielten die einzelnen Geschosse eine Farbkomposition, die Anregung bietet, zugleich Sicherheit gibt und Identifikation ermöglicht.

Flure sind Bewegungs- und Begegnungsräume. Hier gehen die Bewohner miteinander spazieren oder sie treffen sich und plaudern. Die Gestaltung sollte daher motorisch anregend und kommunikationsfördernd sein. Die monochrom gehaltenen Flurwände wurden durch Flächen in Farb- und Helligkeitskontrasten akzentuiert. Kräftige Farben an den Stirnseiten dienen als Blickfang und verkürzen die langen Flure optisch. Warme, helle Farbtöne erzeugen eine wohnliche Stimmung, fördern die gute Laune.

Farbtiefe und Lebendigkeit

Als Farben kamen mineralische Innenraumfarben zum Einsatz. Ihr matter Charakter „objektiviert“ die Farbwerte und lässt die Farbqualität unmittelbar wirken, weil die Pigmente nicht in eine Kunststoffschicht eingebettet sind. Deshalb haben diese Anstriche eine ganz besondere Farbtiefe und Lebendigkeit und wirken darüber hinaus untereinander immer harmonisch.

Alte Menschen bevorzugen helle, aber farbstarke Farbtöne.

Christine Seibold
Malerblatt 11/2016

Fotos: Keimfarben

 

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